„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ (Teil 3)

Allgemein

Lesenswert: Der Dorstener Heimatkalender.

Ein Versuch, das Phänomen der Nachbarschaftsbeziehungen zu verstehen

Was macht eine gute Nachbarschaft aus? Wo und warum tauchen Probleme auf? Wer hilft, wenn es hakt? Ein Aufsatz von Dirk Hartwich, der im neuen Heimatkalender veröffentlicht wurde, versucht Antworten auf die gestellten Fragen zu finden. Wir veröffentlichen Auszüge daraus in drei Abschnitten:

 

Teil 3 und Schluss

Der Bürgermeister

Zurück nach Dorsten. Lambert Lütkenhorst kennt die Lippestadt und seine Bewohner wie kaum ein anderer. Immerhin hat er 14 Jahre als Bürgermeister die Entwicklung unserer Stadt maßgeblich mitgestaltet und zahllose Bürgergespräche tagaus, tagein geführt. Gehörten auch häufig Nachbarschaftsklagen dazu? Nein, Lambert Lütkenhorst stellt den Dorstenern in Bezug auf gutnachbarschaftliches Zusammenleben ein unauffälliges Zeugnis aus. „Klar, gab es auch mal Probleme unter einzelnen Bürgern zu besprechen, sie waren aber nicht dominant in meiner Amtszeit“.

Die Polizei

Kann diese positive Einschätzung des Bürgermeisters von der Polizei bestätigt werden? Britta Müller, Polizeihauptkommissarin stellt fest:

  • Im Großen und Ganzen wird die Polizei in ländlichen Gegenden wie Lembeck und Rhade signifikant seltener zu Nachbarschaftsstreitigkeiten gerufen als in innerstädtischen Ballungsräumen. Die Bereitschaft zu gegenseitiger Rücksicht und Nachsicht ist auf dem Lande, wo man sich kennt, deutlich größer als in der anonymen Stadt.

Auf Presseartikel angesprochen, die über Polizeieinsätze mit aggressiven Personen, auch in unserer Stadt berichten, schreibt die Hauptkommissarin:

  • Da jeder Streit anders ist, gibt es kein festgeschriebenes Handlungskonzept.

In erster Linie ist die Polizei immer bemüht, Streit durch Gespräche zu schlichten. Oft gelingt es, als neutrale Person zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln. Am Wochenende kommt es häufiger zum Streit als

  • in der Woche.
  • Es gibt natürlich auch Fälle, in denen es erforderlich ist, Störern Grenzen aufzuzeigen. Wer mit lauter Technomusik zur Nachtzeit seinen Nachbarn den Schlaf raubt, obwohl dieser bereits um Ruhe gebeten hat, der darf auch mal mit einer bußgeldpflichtigen Ordnungswidrigkeitenanzeige oder der Sicherstellung seiner Musikanlage an seine nachbarschaftlichen Pflichten erinnert werden.
  • Kommt es zu Straftaten, zum Beispiel wenn sich die „Streithähne“ schlagen, beleidigen oder Sachbeschädigungen begehen, werden nach dem Legalitätsprinzip Strafanzeigen aufgenommen und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.
  • In solchen Fällen liegen häufig sogenannte Privatklagedelikte vor, bei denen der Gang zum örtlich zuständigen Schiedsmann vorgeschrieben ist.

Die Soziologen

Noch einmal zurück zu den Untersuchungen der Soziologen. Die Frage, ob eine funktionierende Nachbarschaft auch etwas mit der materiellen Situation der Bewohner zu tun hat, kann sicherlich am Beispiel der Hochhaussiedlung Köln-Chorweiler und benachbarter Quartiere mit Einfamilienhäusern, belegt werden.

Sehr gut ist das auch mit unserer eigenen Geschichte, besonders in Arbeitervierteln, im Nachkriegsdeutschland zu erklären. Es gab keine großen sozialen Unterschiede. Man half sich gegenseitig und hatte ein gemeinsames Ziel vor Augen, den wirtschaftlichen Aufschwung. „Diese Phase dauerte nur 10 bis 20 Jahre, aber sie hat unser Nachbarschaftsideal entscheidend geprägt“, so Angelika Kurtenbach, Sozialwissenschaftlerin. Und in Ländern, in denen das tägliche Leben zum Überlebenskampf gehört, ist gegenseitige Hilfsbereitschaft im wahrsten Sinne überlebensnotwendig.


Was können wir lernen?

Kehren wir abschließend in unsere eigene Nachbarschaft zurück. Die gewählte Überschrift, „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, ist die negative Kurzfassung einer Erkenntnis, die Friedrich von Schiller vor über 200 Jahren formuliert hat.

Es gibt aber auch eine positive, zweite Seite. Nachbarn, die sich respektieren, verstehen und gegenseitig helfen, machen das (Zusammen-)Leben angenehmer, entspannter und damit auch gesünder. 
Was für eine einfache Erkenntnis.

 
 

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Jennifer Schug 
Stadtverbandsvorsitzende
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Friedhelm Fragemann
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