Berührende Gedenkstunde im Jüdischen Museum

Veröffentlicht am 11.11.2018 in Gesellschaft

Vor 80 Jahren tobte der Nazi-Mob auch in Dorsten

 

Der 9. November 1938 war der öffentliche Auftakt eines Verbrechens, das an Grausamkeit nicht zu überbieten ist. Opfer waren Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft. Die Täter deutsche Nationalsozialisten, die tatkräftige Helfer und Sympathisanten in allen Schichten der Bevölkerung fanden. Auch in Dorsten. Daran erinnerte Dr. Norbert Reichling, Leiter des „Jüdischen Museum Westfalen“, in einer beeindruckenden Ansprache im Garten des Museums. Besonders, als er den lokalen Bezug herstellte, stockte nicht wenigen Anwesenden der Atem. Das Ehepaar Gertrud und Simon Reifeisen und ihre 12 jährige Tochter Ilse lebten in der Dorstener Stadtmitte. Mitten unter uns. Die Familie wurde, unter den Augen der Nachbarn, im Oktober 1938 nach Polen „abgeschoben“. Grund: Polnische, jüdische Herkunft. Das Eigentum wurde eingezogen. Im Dezember 1939 gelang es den Eltern, die jetzt 13jährige Ilse mit einem Kindertransport ins schwedische Exil zu schicken. Ein erschütternder sehr umfangreicher Briefwechsel zwischen Dezember 1939 und dem 21, Januar 1942,  überwiegend zwischen Mutter und Tochter, ist an Dramatik nicht zu überbieten, „Mein liebes Ilsekind“, so lautet der Titel eines besonderen Buches, das die Dorstenerin Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel herausgegeben hat. Der gesamte Briefwechsel ist dort dokumentiert. Ilse, die heute Elise Hallin heißt, wurde von Elisabeth Cosanne in Stockholm mehrfach besucht. Die heute 92jährige konnte, nachdem sie Vertrauen in den deutschen Besuch gefasst hatte, über die schreckliche Zeit sprechen und den Briefwechsel zur Veröffentlichung freigeben. Ein außergewöhnliches und bedrückendes Zeitdokument, das immer wieder in Erinnerung ruft, dass Dorsten Teil das ganzen, heute immer noch unfassbaren Naziverbrechens war. Alljährlich müssen wir Dorstener am 9. November innehalten und das Versprechen öffentlich abgeben: „Nie wieder, nie wieder lassen wir es zu, dass Menschen anderen Glaubens und anderer Hautfarbe verächtlich gemacht werden“. Das ist nämlich die Vorstufe einer Eskalationsspirale, die am Ende Vernichtung bedeutet.

Eigener Beitrag

Nachsatz: Das Buch „Mein liebes Ilsekind ist im Klartext – Verlag erschienen und kann um Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten erworben werden. Der Preis beträgt 19.95 Euro

 

Zufall?

Während der Gedenkveranstaltung hat ein Hund sein großes Geschäft direkt vor der Eingangstür des Jüdischen Museums machen dürfen. Die Mitarbeiterin des Museums, die den braunen Scheiß entfernte, klagte gegenüber den entsetzten Besuchern, dass das nicht zum ersten Mal geschieht.

 
 

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